Reichelsheimer Geschichte

Ein Streifzug durch die Reichelsheimer Geschichte

Die Reichelsheimer Geschichte ist vielfältig und umfangreich. Werner Coburger hat in einem Spaziergang durch Reichelsheim die interessantesten Daten festgehalten. Ergänzt wird dieser Steifzug durch Ausarbeitungen, die durch diverse Anfragen oder Ereignisse einmal entstanden sind (siehe Menü rechts).

Spaziergang durch die Reichelsheimer Zeitgeschichte bis 1992

(von Werner Coburger)

Die Zeit ist wie ein Bild von Mosaik - Zu nah beschaut verwirrt es nur den Blick will man des Ganzen Art und Sinn verstehen, so muss man es aus rechter Ferne sehn.

Wie ich es liebe, das Städtchen mit dem altertümlichen Gemäuer, mit den altfränkischen Spitzdächern an der breiten Hauptstraße, mit den engen Winkelgassen und der hochgefirsteten alten Kirche. So leitet ein ehemaliger langjähriger Pfarrer von Reichelsheim eine von ihm verfasste Chronik ein. Wir wollen jetzt - gleichsam auf einem Spaziergang - seine Zeitgeschichte kennenlernen. Es wird nicht leicht sein, denn der Weg ist nicht glatt und eben. Manches Hindernis, mal größer, mal kleiner, ist zu überwinden. Gutes und Böses, Erfreuliches und weniger Erfreuliches wird uns begegnen.

Unsere Wanderung beginnt dort, wo einst die durch die erste Feldbereinigung zerstörte Friedberger Straße durch die Felder führte. Dann liegt das Städtchen vor uns in seinem ganzen Schimmer mittelalterlicher Romantik, am Haingraben. Vor uns zunächst der Turm mit dem alten Torbogen, die Pforte für viele Generationen, die hier ihre letzte Ruhe fanden. Dahinter ziehen sich die Häuser der Haingasse.

Ihr Name weist in fernste Vergangenheit, dorthin zurück, als noch nicht einmal die wettergeschwärzten alten Mauern standen, deren Rest wir am Friedhofseingang sehen. Mit ihm aber erhebt sich für uns die Frage: Wurde hier der Grundstein von Reichelsheim gelegt? Wer mag wohl jener "Richolf" gewesen sein, der irgendwo hier vielleicht zuerst seinen Hof baute, von dem der Name kommt: Wo der Richolf sein "Heim" hat. Vermutlich war er ein fränkischer Siedler, denn diese hatten eine besondere lebendige Form gefunden, ihre Heimstätten zu schützen vorfeindlichem Überfall. Sie pflanzten um ihren Hof, in ihr Dorf den "Hain", eine dichte und breite Hecke aus Hainbuchen und Dornengestrüpp, das man nicht groß werden ließ, sondern dessen Zweige man immer wieder nach unten ineinander verflocht. Wehrhafte Männer hinter solcher Hecke konnten schon manchem Feind standhalten. Auch als man später die Stadtmauer baute und sich dahinter stolz als Bürger fühlte, ließ man wohl die Hecke gerne stehen. Sie schützte die Mauer und bei einem Überfall die Verteidiger auf ihr. Heute lebt sie nur noch im Namen fort: "Haingasse".

Doch sind dies die ersten Zeugen unserer Vergangenheit? Da treffen wir zufällig einen alten Friedberger Historiker: Prof. Blecher. Er erzählt uns über Spuren von Gräbern, die aus der sogenannten "Urnenfelderzeit" stammen (etwa 900 v. Chr.). Sie wurden bei Drainagearbeiten in der Nähe des Friedhofes und bei Ausgrabungen im "Gänsepfuhl" sowie bei Bauarbeiten in verschiedenen Höfen gefunden. Sie wurden in verschiedenen Museen untergebracht.

Über die nachfolgenden Jahrhunderte, die vorwiegend im Zeichen kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen Germanen, vor allem vom Stamm der Chatten und der Römer standen, ist wenig bekannt. Lediglich der von den Römern zwischen Mittelrhein und Donau nach ihren Erfolgen über die Germanen 83 / 84 n. Chr. etwa 550 km lange und durch zahlreiche Kastelle und Wehrtürme verstärkte Grenzwall, der Pfahlgraben, legt Zeugnis über die Anwesenheit der Römer in unserem Gebiet ab. So soll sich auch ein Wartturm auf dem Lohberg erhoben haben. Nicht allzu weit davon entfernt führte der Pfahlgraben vorbei. Echzell und Ober-Florstadt waren bedeutende römische Niederlassungen. Vielleicht könnte man vermuten, daß eine alte Straße, der Römerberg, hier etwas mehr aussagt. Doch als das Wort "Römer" Eingang in die deutsche Sprache fand, waren diese schon längst nicht mehr hier. Vielmehr war der "Römer" das Zeichen des Bürgerstädtchens: das Rathaus. Die Reichelsheimer betrieben Ackerbau wie die Nachbardörfer ringsum, aber sie waren nicht mehr hörige Bauern, sondern Städter, Bürger! Das Zeichen ihres Stadtrechtes war der Römer. Mit rechtem Stolz sprachen sie das Wort. Die Straße, die zu ihm führte, war der Römerberg. Hier gibt auch der Römer in Frankfurt wohl den Hinweis.

Das Jahr 375 als Beginn der großen Völkerwanderung brachte auch der Wetterau verheerende Einbrüche feindlicher Volksstämme, so auch die Franken. Die in der Backsteinfabrik Schürmann am Heuchelheimer Kreuz gefundenen Gräber mit zahlreichen Beigaben stammen aus der frühfränkischen Zeit. Ließ sich damals auch ein fränkischer Siedler namens Richolf mit seiner Sippe hier nieder? Neben den bereits erwähnten Hinweisen lässt vor allem auch alte fränkische Bauweise der Häuser diese Vermutung zu.

Da gesellt sich ein anderer Historiker, ein Sohn einer alten Reichelsheimer Familie, zu uns, Albert Nohl. Er verließ zwar Reichelsheim in seinen Jugendjahren, blieb ihm aber doch bis zu seinem Tode eng verbunden und treu. Sein besonderes Interesse, heute würde man Hobby sagen, galt u.a. der Geschichte von Reichelsheim. Noch immer stehen wir am Friedhof und warten darauf, in welchem Jahr wohl Reichelsheim auch urkundlich zum ersten Male erwähnt wurde. Albert Nohl erklärt uns, daß die Geschichte eines Ortes, eines Landes in früheren Jahrhunderten stets die Geschichte seiner Fürsten, ob weltlich oder geistlich war. So fällt der Name Reichelsheim in Verbindung mit der Abtei Fulda im Jahre 718. Sie war hier Besitzer der "Fuldischen Mark", zu der Reichelsheim und seine Umgebung gehörte. Sie wurde dem Kloster zusammen mit 781 Gütern in der "Wettereiba" (= Wetterau) von Karl dem Großen übergeben. Danach liegen Jahrhunderte der Geschichte von Reichelsheim wieder etwas im Dunkeln. Erst aus dem Jahre 1388 wird berichtet, daß die Herren von Falkenstein (vorher Münzenberg) die Hälfte des Dorfes zum Lehen von Fulda erhielten. Der letzte Falkensteiner vertauschte sie 1416 an den Grafen Philipp den ersten von Nassau Weilburg. Bereits 1 Jahr später übergab die Abtei Fulda diesem auch die noch ihn ihrem Besitz befindliche andere Hälfte und Vogtei Reichelsheim.

Nun setzen wir unsere Wanderung zunächst geradewegs durch die Kirchgasse zur Kirche fort. Das 1485 erbaute Gotteshaus ist eines der schönsten in der näheren Umgebung. Doch zweifellos hat an der gleichen Stelle vorher bereits eine Kirche oder Kapelle gestanden. Sie wurde anläßlich der Stiftung eines Altars durch Erzbischof Heinrich von Mainz bereits 1336 erwähnt. Wir stehen und staunen über die Leistungen, zu denen schon damals unter Zuhilfenahme primitivster Mittel die Menschen befähigt waren. Wahrer Glaube an Gott war es wohl, der sie dazu befähigte. Der Erbauer dieses Gotteshauses muß ein Künstler gewesen sein. Es ist eine spätgotische Basilika, 3-schiffig, mit Kreuzgewölben und hohem Chorbau, angelehnt an den viereckigen Turm, der die Züge romanischer Baukunst trägt. Auch in ihrem Inneren ist man sofort von ihrer schlichten Schönheit eingefangen. Hierzu tragen nicht zuletzt die herrlichen spätgotischen Wandmalereien, die reichverzierte Decke des Chores, das hölzerne Kruzifix und der alte Taufstein bei. Der Kirchhof war früher stark befestigt und mit Mauern und Türmen versehen. So war derTurm nicht nur das Wahrzeichen der Kirche, der Ort für die Glocken, sondern auch zugleich Wachtturm. Von ihm hatte man eine herrliche Aussicht über die Wetterau. Sie wurde schon für viele Besucher und nicht zuletzt für uns Kinder zu einem unvergeßlichen Erlebnis.

Hexenturm
Von der Kirche gehen wir weiter in die Turmgasse. Hier befindet sich der zweite Befestigungsturm (Bild), dem sich noch ein dritter in der Roßgasse an der Hofreite Marloff zuordnet. Doch dieser hier, jetzt noch Wachtturm, übernimmt später eine auch für Reichelsheimer Bürger grausame Aufgabe. Erbaut wurden Stadtmauern, Wälle und Schutztürme etwa um das Jahr 1420. Wieder befällt uns ein Hauch aus längst vergangenen Zeiten und manch einer denkt, was man wohl über menschliche Schicksale in dieser so überaus unruhigen Zeit erfahren könnte, wenn diese Steine, vor denen wir hier stehen, sprechen könnten. Die Worte, die Chronisten fanden, sind nur zu drüftig. So lassen wir über ein Jahrhundert an uns vorüberziehen. Wir schlittern ins 16. Jahrhundert. Hier lassen uns drei Ereignisse aufhorchen. 1542 Gründung einer Mädchenschule durch Pfarrer Stephani und etwa um 1560 einer Lateinschule, die weithin berühmt war. 1570 Bau des Rathauses. Es besteht aus einem alten, aus Baslatbruchsteinen errichteten Unterbau, der früher an Markttagen als Kaufhalle diente, und einem Obergeschoß aus Fachwerk. An der Ostseite ist ei n runder Treppenturm vorgebaut. Über dem rundbögigen Portal findet sich die Jahreszahl der Erbauung: 1570. Nach diesen erfreulichen Ereignissen brechen für die Reichelsheim die schlimmsten Zeiten seiner Geschichte an. 1582 wütet zum ersten Mal die Pest. Von 1621 bis ins Jahr 1654 wird es vom 30-jährigen Krieg heimgesucht. Dazwischen wütete 1627 wiederum die Pest. Ihr fielen bis Anfang 1628, 187 Einwohner zum Opfer. 1635 - 1640 wurde es von den Weimarschen Truppen mehrmals geplündert und gebrandschatzt. 1637 wurden die Grafen von Nassau durch einen Beschluß des Reichskammergerichtes all ihrer Besitzungen, so auch von Reichelsheim, für verlustigt erklärt. Sie wurden ihnen jedoch im Westfälischen Frieden 1648 wieder zurückgegeben.

Sollte man meinen, daß nun für die wenigen Einwohner, die all dies einigermaßen überstanden hatten, eine Zeit der Ruhe und der Erholung eintreten würde, so sieht man sich getäuscht. Hexenprozesse, so geht eine neue Schreckensbotschaft landauf-Iandab. Auch Reichelsheim bleibt von dieser Grausamkeit kaum zu überbietenden menschlichen Verwirrung nicht verschont. 1658 werden erste Untersuchungen wegen Hexerei durchgeführt, danach sollen etwa 58 Einwohner hingerichtet worden sein. Gefangen gehalten wurden sie zum Teil in dem Turm, vor dem wir hier in der Turmgasse stehen: Dem Hexenturm. Was immer sich nur ein menschliches Gehirn in damaliger Zeit an unsagbaren Qualen ausdenken konnte, hier wurde es an unschuldigen Menschen, zum Teil Kindern, vollzogen. Das Buch "Die Hexe von Bingenheim" läßt uns ein wenig von all dem erahnen.

Stadtwappen
Jetzt gehen wir nochmals zurück zum Mittelpunkt unseres Ortes, dem Rathaus. Mit dem Jahr 1665 kommt ihm besondere Bedeutung zu. Hier soll Reichelsheim durch den Grafen Friedrich von Nassau die Stadtrechte erhalten haben. Seine Einwohner wurden zu freien Bürgern erklärt, es erhält ein Stadtwappen mit den nassauischen Farben blau / orange mit dem Reichsapfel in der Mitte, im oberen Tell einen Löwen und darf jährlich 3 Jahrmärkte abhalten.

In den nächsten Jahrzehnten wechselt Reichelsheim bzw. Teile von ihm vor allem durch Verkauf mehrmals seinen Besitzer und fällt letztlich doch wieder an die Grafen von Nassau zurück.

Jahre - Jahrzehnte vergingen. In Schlesien tobte der "Siebenjährige Krieg" (1756 - 63), zum Glück ohne Auswirkungen für die hiesigen Einwohner. In Frankreich vollzieht sich ein Ereignis, das bei Gewaltenstruktur vom absoluten Herrschen und Beherrschtwerden fast unvorstellbar ist: Die Französische Revolution. Man schreibt das Jahr 1789. Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit - hat sie, auf ihre Fahne geschrieben. Ihre Begleiter: Jubelstürme - Haß bei den Unterdrückten, Blut und Tränen - Verlust der Macht bei den Unterdrückern. Ergebnis: Die Republik und - Napoleon. Mit ihm wird Frankreich zur beherrschenden Macht in Europa. Ständig in Kriege verwickelt, werden weite Teile Europas von den Franzosen besetzt. Auch unser Nachbarort Friedberg bildet ein einziges französisches Heerlager. Die Bewohner der Wetterau sind harter Unterdrückung ausgesetzt, nicht zuletzt durch die kaum noch aufzubringende Kriegskontribution. Allerdings sind die kriegerischen Auseinandersetzungen begrenzt. Es wird lediglich von einem kleinen Scharmützel hinter der Bingenheimer Mühle berichtet. Dabei wurde ein französischer Soldat schwer verwundet. Er wurde nach Reichelsheim gebracht und hier trotz innerer Ablehnung von den Bürgern gepflegt. Leider vergebens. Er starb und erhielt ein würdiges christliches Begräbnis. Ein Beweis der Menschenfreundlichkeit und Großherzigkeit, die schon immer die Reichelsheimer Bürger auch bei vielen anderen Gelegenheiten auszeichnete. Das Jahr 1813 brachte endlich auch der schwerleidenen Wetterau die Befreiung von der französischen Besetzung.

1848. Das Jahr der deutschen Freiheitsbewegung. Überall wird der Ruf nach einem großen, freien und einigen deutschen Vaterland laut. Von dieser nationalen Bewegung wurden auch die leicht erregbaren Reichelsheimer ergriffen, so daß der nassauische Hauptmann von Preußen, dem Fürsten von Nassau von der "revolutionären Bewegung" in Reichelsheim berichtete. Man trug alle schwarz-rot-goldenen Fahnen unter dem Gesang bekannter Freiheitslieder durch die Straßen. Doch der Funke wurde zu keinem Feuer, er verpuffte sehr schnell und alles blieb beim Alten.

Mit dem Jahr 1866 kam endlich Ruhe in die wechselvolle politische Zugehörigkeit Reichelsheims. Im Friedensvertrag zwischen Preußen und Österreich werden alle Enklaven des Fürsten von Nassau, der sich bei der kriegerischen Auseinandersetzung beider Staaten auf die Seite von Osterreich gestellt hatte, so auch Reichelsheim, dem "Großherzogtum Hessen" zugeteilt. Es hatte damals 800 Bürger, davon waren 781 evangelisch und 19 katholisch.

Kirche und Rathaus
Wir stehen jetzt vor dem Kriegerdenkmal am Rathaus (Bild aus den 1950er Jahren). Und man fragt sich: Warum immer wieder Krieg, sinnloses Blutvergießen? Zwar sind es diesmal nur wenige, die ihr Leben opfern mußten und doch schon zu viele in diesem Krieg 1870 / 71 zwischen dem französischen und deutschen Volk. Umso erfreulicher geht das 19. Jahrhundert seinem Ende entgegen und voller Hoffnung beginnt das 20. Jahrhundert, das Maschinenzeitalter.

Reichelsheim ist bereits durch seine direkte Straßenverbindung vom Vogelsberg her über Nidda - Assenheim nach Frankfurt ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Es hatte seit 1844 eine Posthaltestelle - Posthalter war damals der Gastwirt Conrad - und erhielt 1897 an der Bahnlinie Friedberg - Nidda, die hier fertiggestellt und eröffnet wurde, Bahnanschluß. 1865 gründeten Bauern, Handwerker und Geschäftsleute nach dem Vorbild der Raiffeisenbanken den Vorschuß- und Kreditverein. Er wird 1942 in die heutige "Landbank Horlofftal eGmbH" umbenannt. Sie ist am wirtschaftlichen Geschehen in Reichelsheim bis zum heutigen Tag maßgeblich beteiligt.

Weitere bemerkenswerte Daten sind:
  • 1901: Die 1892 begonnene erste Flurbereinigung in der hiesigen Gemarkung findet durch die Regulierung der Horloff ihren Abschluß.
  • 1909: Bau der Wasserleitung.
  • 1911: Neubau der Amtsapotheke.
  • 1912: Das 1622 gebaute Pfarrhaus wird abgerissen und ein neuer Bau wird errichtet.

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Abschiedsfoto am Bahnhof: Einberufene Reichelsheimer Männer ziehen am 05.08.1914 in den ersten Weltkrieg (1).


Diese "gute alte Zeit", wie man sie manchmal noch immer bezeichnet, endet schlagartig wieder mit dem Beginn des ersten Weltkrieges. 1918 endet diese Schreckenszeit. Hunger - Arbeitslosigkeit - Not - Inflation, um nur das Schlimmste zu erwähnen, sind ihre Folgen. Die wirtschaftliche Entwicklung Reichelsheims kommt zu einem gewissen Stillstand. Auch seine Bevölkerungszahl ändert sich kaum. Erst mit dem Jahr 1933 setzt eine langsame Weiterentwicklung ein. Neben dem Postamt entsteht ein moderner Kindergarten, der leider beim Absturz eines amerikanischen Fliegers zerstört wurde. Nach dem Kriege wurde er zu einem Mehrfamilienhaus umgebaut.

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Vom 12. bis 14. Juli 1930 feierte der Gesangverein Liederkranz Reichelsheim bereits sein 85-jähriges Jubiläum (1).

Am Sportplatz wird 1938/39 ein Jugendheim errichtet. 1935 wird Wiesengelände zu einem Flugplatz ausgebaut. Dieser bleibt bis 1944 als Schulungsplatz in Betrieb. Auch dieser wirtschaftliche Aufschwung im "Dritten Reich" dauert nur kurze Zeit. Nach der Machtübernahme Hitlers, ermöglicht durch eine schwere Rezession zwischen 1928 und 1932, erfolgt zunächst die wirtschaftliche Besserung. Wieder Krieg - ein furchtbares Ende. Kein Haus, das nicht in irgendeiner Form betroffen ist: Heimatvertriebene suchen eine neue Heimat und finden sie, wenn zunächst auch oft unter primitivsten Verhältnissen. Hunger - Zigarettenwährung - Trauer um die Gefallenen - Hoffnung auf Rückkehr der Vermißten - Warten auf die Gefangenen - Währungsreform - Vergangenheit.

Wir sind inzwischen auf unserem Spaziergang am Kulturzentrum an der Horloff angekommen. Hier gesellt sich Altbürgermeister Otto Nohl, der zusammen mit dem langjährigen Stadtverordnetenvorsteher Willy Nohl die Entwicklung Reichelsheims in den Nachkriegsjahren maßgeblich beeinflußt hat, zu uns. Ja, so beginnt er seine Erläuterungen, 1948 konnte man mit Fug und Recht sagen: "Neues Leben kommt aus den Ruinen". Wie? Vielen von uns ist es noch gegenwärtig. Ein Neubeginn zunächst in kleinen Schritten, der finanziellen Lage aber auch den dringendsten Erfordernissen angepaßt.

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Blick auf die Hauptstraße um das Jahr 1950.

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Zwischen Rathaus und Kirche stand einst das Spritzenhaus der Feuerwehr (Aufnahme um 1950).


Streiflichter ziehen nun an uns vorbei:

1948

Ausweisung von Baugelände für die erste Neubausiedlung am Haingraben.

1952

Die Hauptstraße erhält eine Schwarzdecke.

1956

Bau einer modernen, vierklassigen Schule mit Schüler- und Gemeindebad. Der seit 1947 andauernde Schichtunterricht wird damit beendet.

1957

Zusammen mit der örtlichen Genossenschaft wird in der Kirchgasse eine moderne Gefrieranlage eingerichtet.

1958

Alle Ortsstraßen erhalten eine Schwarzdecke und werden mit einer modernen Straßen beleuchtung versehen.
Eine würdige Gedenktstätte für die Gefallenen des zweiten Weltkrieges wird auf dem Friedhof eingeweiht (Erweiterung der Gedenkstätte von 1914/18).

1959

Der Wasserverband "Untere Horloff" führt in den Jahren 1959 - 1962 die Horloff-Verlegung und Entschlammung durch. Dabei Neubau der Brücke am Nordostausgang von Reichelsheim.

1961

Die Hauptstraße wird mit neuen Bürgersteigen versehen. Dies trägt wesentlich zur Verkehrssicherheit und Verschönerung des Ortsbildes bei.

1961-1965

"Hilfe durch Selbsthilfe". Diese Parole, bereits beim Bau der Gefrieranlage vom Vorsitzenden der Bezugs- und Absatzgenossenschaft Karl Bausch herausgegeben, wird durch die Erstellung von 18 Silos in der Hofreite Vogt, Bingenheimer Straße, für lose Getreideabnahme fortgeführt.

1962

Südlich von dem sogenannten alten Flugplatz entsteht in Flur IX ein Privatflugplatz mit zwei Landebahnen. Ein Bau mit Flugleitung, Restaurant und Dachterrasse schließen sich an.

1963

Ein beschleunigtes Flurbereinigungsverfahren wird für die Gemarkung Reichelsheim eingeleitet. In Verbindung damit werden drei landwirtschaftliche Betriebe an die Gemarkungsgrenze nach Nieder-Florstadt ausgesiedelt, etwa 14 km Feldwege werden mit einer Betondecke versehen, ein neues Baugebiet "Am Lehmberg" wird erschlossen.
Eingrünung des Kirchplatzes (den Einheimischen bekannt als Kirchhof) durch Initiative des jüngsten Sohnes von Pfarrer Biez.

1964

Der 1893 erbaute Faselstall wird geschlossen. Im unteren Geschoß werden die Löschfahrzeuge der Freiwilligen Feuerwehr untergebracht. Hinterhaus und Hof dienen als Lagerräume und Bauhof der Stadt.

1965

Erweiterung des Friedhofes und Bau einer modernen und sehr ansprechenden Trauerhalle. Sie wird 1966 im Rahmen einer Feierstunde ihrer Bestimmung übergeben.

Leichenhalle
Neubau der Trauerhalle auf dem Reichelsheimer Friedhof 1965.

1966

Erweiterungsbau des Postamtes wird fertiggestellt. Damit verbunden ist der Anschluß an das Fernwählnetz.

1968

Mit einem seit langem geplanten Bauprojekt wird begonnen, der Mehrzweckhalle.

1970

Die Mehrzweckhalle wird feierlich eingeweiht.

1972

Ein neuer Sportplatz mit moderner Flutlichtanlage wird fertiggestellt. Im gleichen Jahr fusionieren die früheren Gemeinden Beienheim, Blofeld, Dorn-Assenheim, Heuchelheim, Weckesheim mit ReicheIsheim; gleichzeitig wird durch die Erschließung eines weiteren Wohngebietes die Voraussetzung für bessere Wohnverhältnisse alter und neuer Bürger geschaffen. Die Stadt hat jetzt einschießlich aller Stadtteile 5627 Einwohner.

1974

In Fortsetzung der Aufwärtsentwicklung der Bezugs- und Absatzgenossenschaft wird 1970 im Gebäude der ehemaligen Molkerei ein modernes Lager mit Maschinenwerkstatt eingerichtet. Das Getreidelager von der Fa. Wagner mit gut ausgestatteter Annahme übernommen. Sie gewinnt damit überörtlich erheblich an Bedeutung.

1980

Dem SV Reichelsheim wird eine Tennisabteilung angegliedert. Die Stadt stellt Gelände für Tennisplätze zur Verfügung, die fünf Plätze werden z.T. in Eigenleistung der Mitglieder hergerichtet. Reiterverein und Hundesportverein wird Gelände für sportliche Betätigung langfristig verpachtet.

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Guter Einfall zur Dorfverschönderung in Reichelsheim: Aus den Rädern eines ausgedienten Düngestreuers und drei Brettern, alle schön gestrichen, entstand eine nette Bank, die der Neugasse eine freundliche Note gab. (1)

1981

Am 14. und 15. Januar wird in Folge außergewöhnlich starker Schneefälle auch in Reichelsheim, wie in vielen Gemeinden in Hessen, der Schneenotstand ausgerufen. Durch den vorbildlichen Einsatz von Helfern der Freiwilligen Feuerwehr, zahlreichen Landwirten und Mitarbeitern des Bauhofes gelingt es die schwierigen Verhältnisse in kurzer Zeit zu bessern und als erste Stadt im Kreisgebiet die Befahrbarkeit der Straßen wieder herzustellen.
Einweihung des Erweiterungsbaues der Landbank Horlofftal. Er ist nach modernen Gesichtspunkten behindertengerecht gebaut und eingerichtet. Das Unternehmen wird dadurch in seinen Dienstleistungen wesentlich gestärkt.
Vergrößerung der Stadtverwaltung und Verlegung eines Teiles in das hier erworbene Gebäude in der Bingenheimer Straße.
Erste Maßnahme für den Anschluß der Kanalisation an eine Gruppenkläranlage werden getroffen.
Die Kreissparkasse Friedberg eröffnet im Wettbewerb eine Außenstelle im Haingraben, die sehr bald eine gute Aufwärtsentwicklung zeigt.

1982

Vom 18.06 bis 21.06.82 begeht die Freiwillige Feuerwehr Reichelsheim in einem großen, festlichen Rahmen ihren 90. Geburtstag. Unter großer Beteiligung von befreundeten Feuerwehren, Ortsvereinen und der Einwohnerschaft von Reichelsheim wird auf dem Festplatz 4 Tage gefeiert.

1984

Im September verabschiedet sich Bürgermeister Friedhelm Huchzermeier, der als Nachfolger von Bürgermeister Erich Stephan, von 1978 an der Stadtverwaltung von Reichelsheim vorstand. Er wurde zum 1. Stadtrat in Pfungstadt gewählt.
Im Dezember wird als sein Nachfolger der Reichelsheimer Gerd Wagner, nahezu einstimmig und getragen von dem großen Vertrauen der Bevölkerung in eine erfolgreiche Zukunft gewählt und am 1. Januar 1985 in sein Amt eingeführt.
Die Reichelsheimer Ortsvereine und die Bevölkerung lassen es sich nicht nehmen, "Ihrem" neuen Bürgermeister nach einem alten Brauch eine "MAIJE" unter musikalischen Klängen in seinen Garten aufzustellen sowie einen Baum zu pflanzen.

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Errichten der "Maije" am 15.12.1984 im Garten von Gerd Wagner (2).

Am Volkstrauertag wird das nach einem Entwurf von Otto Keil neugestaltete Ehrenmal für die Gefallenen beider Weltkriege auf dem Friedhof feierlich eingeweiht.

1985

Am 1. Januar wird die von dem 1978 gegründeten Abwasserverband "Horlofftal" gebaute Kläranlage in Betrieb genommen. Angeschlossen sind die Großgemeinden Echzell, Florstadt und Reichelsheim, sowie Ortsteile von Niddatal und Wölfersheim.
Das aus dem 16. Jahrhundert stammende Reichelsheimer Rathaus wird von Grund auf renoviert.
Mit einer Verordnung zur einstweiligen Sicherstellung sind Teile der Auen von Horloff, Nidda, Nidder, Seemenbach und Wetter als zukünftiges Landschaftsschutzgebiet im "Auenverbund Wetterau" sichergestellt worden. "Damit wird ein wesentlicher Beitrag für die Erhaltung der Natur geleistet."
Stadtverordneter Hagen Behrens wird als Nachfolger von Karl Bausch zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt.

500 Jahre Kirche in Reichelsheim
Vom 23. - 30. Juni 1985 beging die evangelische Kirchengemeinde ein Jubiläum besonderer Art: die 500-Jahrfeier. Das halbe Jahrtausend, das diese Kirche überdauert hat war von vielen Wechselfällen der kirchlichen und weltlichen Geschichte gekennzeichnet - Erbaut als Katholische Pfarrkirche, die dem Heiligen Laurentius geweiht war, wurde sie im Jahre 1552, nachdem Reichelsheim evangelisch geworden war, vom letzten katholischen Pfarrer an den ersten evangelischen Pfarrer übergeben. Sie gehörte jedoch nicht ausschließlich der Kirchengemeinde. So war die Stadt Reichelsheim bis 1981 Eigentümer sowohl des Kirchturms, der ursprünglich als Wehrturm errichtet worden war, als auch der Glocken, die mit dem Zeitläuten, bei Bränden und sonstigen Anlässen auch bürgerliche Aufgaben erfüllten. Dazu gehörte auch der Kirchplatz, der früher als Friedhof und später bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, wo die Schule in ein neues Gebäude umzog als Schulhof genutzt wurde. In einer Festschrift, sowie durch Vorträge in der Festwoche, wurde ihr Weg durch die 500-jährige Geschichte nochmals beleuchtet. Dabei kann es auch heute noch nachdenklich stimmen, wie hier Menschlichkeit und Unmenschlichkeit oft so nahe beieinander gelegen sind: In Frieden und Kriegszeiten, in Zeiten wirtschaftlicher Blüte und in Zeiten der Betroffenheit von Pest, Brandkatastrophen und sonstigen Unglücksfällen. Doch immer ist sie ein Haus geblieben, in dem Menschen Gottes Wort hören und in Not Zuflucht und Trostfanden.

500 Jahre Kirche
Reichelsheim feiert 500 Jahre Kirche mit einem großen historischen Fest. Im Bild eröffnet Bürgermeister Gerd Wagner (am Mikrofon) mit Pfarrer Helmut Schütz (links) und Stadtverordnetenvorsteher Hagen Behrens (2.v.l.) die Festlichkeiten (3).

Der Grundstein für das neue Feuerwehrhaus in der Bingenheimer Straße 33 wird im Oktober 1985 von Bürgermeister Gerd Wagner und Architekt Winfried Bell unter der Mitwirkung zahlreicher Ortsvereine gelegt.

1986

Die Schulbehörde des Wetteraukreises gibt "grünes licht" für einen Schulneubau. Reichelsheim wird in die erste Stufe der Dringlichkeitsliste übernommen.
Das neue Feuerwehrhaus in der Bingenheimer Straße 33 wird feierlich eingeweiht. Das Bauwerk wurde in knapp einjähriger Bauzeit erstellt, und kostete 1,027 Mio. DM.

1987

Nachdem die Molkerei in Reichelsheim bereits seit längerer Zeit ihren Betrieb eingestellt und das Gebäude von der Bezugs- und Absatzgenossenschaft Reichelsheim übernommen wurde, mußte der mächtige Schornstein der zu einem Wahrzeichen von Reichelsheim geworden war, aus Sicherheitsgründen gesprengt werden. Dazu hatten sich auch aus der näheren Umgebung viele Zuschauer eingefunden.

Molkereischornstein
Sprengung des Molkereischornsteins auf dem Gelände der Absatzgenossenschaft im März 1987 (4).

Die Reichelsheimer Kirche, die dringend restauriert werden mußte, wird nach 10 monatiger Bauzeit im Rahmen des Christkindlmarktes feierlich eröffnet.
Der Reichelsheimer Kindergarten, der ehemals eine mechanische Werkstätte beherbergte und jetzt den Kindern als Tagesstätte dient, feiert sein 25-jähriges Bestehen.
Im September findet in der Mehrzweckhalle die 1. Hobby-KünstlerAusstellung statt. Dreißig Bürgerinnen und Bürger stellen ihre Kunstwerke aus. Die Ausstellung findet in der Bevölkerung eine sehr große Resonanz.

1988

Im März begeht in einem Festakt die Ortsgruppe des Verbandes der Kriegs- und Wehrdienstopfer, Behinderten und Sozialrentner e.V. Deutschlands ihr 40-jähriges Bestehen. Dieser Verband steht im Zeichen einer sehr starken Aufwärtsentwicklung.
Karl Bausch, der über 40 Jahre sich für die Belange der Landwirte eingesetzt hat, über 30 Jahre auf dem politischen Parkett tätig war und hier schon zu einem Urgestein der Politik geworden ist, darüber hinaus noch zahlreiche Ehrenämter begleitet hat, wird nach Rudolf Walther und Helma Marloff als 3. Reichelsheimer Bürger für seine Verdienste mit dem Verdienstorden am Bande der Bundesrepublik Deutschland vom Bundespräsidenten ausgezeichnet.

1989

Zu einem großartigen Ereignis wurde das 90-jährige Bestehen des Musikvereins Reichelsheim. Hervorgegangen aus einem Musikkorps wurde er 1889 von 14 Bürgern zur Pflege der Volksmusik gegründet. Das Kulturelle leben in Reichelsheim wurde von diesem Verein wesentlich mitgestaltet und begleitet. Dies ist ihm in den 90 Jahren in jeder Hinsicht gelungen.

1990

Im Februar verabschiedet sich in einem Festgottesdienst Pfarrer Helmut Schütz nach 10-jähriger Tätigkeit von Reichelsheim. Er übernimmt eine andere kirchliche Aufgabe in Alzey.
Zwei Lebensretter aus Reichelsheim, Robert Lauster und Josef Sykora erhalten besonderes Lob für ihren umsichtigen Einsatz, einen Menschen vor dem Ertrinken zu bewahren. Dafür werden sie von Landrat Rüfer und Bürgermeister Gerd Wagner ausgezeichnet.

1991

Am 30. September ist die letzte Braunkohle aus dem zwischen Reichelsheim und Dorn-Assenheim gelegenen Tagebau 7 und damit auch die letzte Kohle aus dem "Oberhessischen Braunkohlevorkommen" abgebaut und verladen worden. Damit ist in der Wetterau eine fast 200-jährige Ära zu Ende gegangen, in der ca. 70 Millionen Tonnen Braunkohle -25 Millionen Tonnen im Tiefbau und 45 Millionen Tonnen im Tagebau- gefördert und verarbeitet worden sind. Davon wurden in dem Kraftwerk in Wölfersheim in seiner 80-jährigen Geschichte ca. 45 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugt. Aber auch das Schicksal von vielen Menschen, die hier seit Generationen Arbeit und Brot gefunden hatten ging damit einher. Eine wichtige Epoche, an der auch Reichelsheim wesentlichen Anteil hatte, ist zu Ende gegangen. Die Geschichte hat sie eingeholt.

1992

Der Um- und Erweiterungsbau der im Jahre 1970 eingeweihten Mehrzweckhalle steht kurz vor der Vollendung.
Der Neubau der Grundschule Reichelsheim in der Willy-Nohl-Straße steht kurz vor der Einweihung und Inbetriebnahme.
Reichelsheim hat knapp über 6000 Einwohner.

Bilder:
- (1) Familie Hitz
- (2) Festschrift "100 Jahre Feuerwehr Reichelsheim"
- (3) Familie Bach
- (4) Archiv Feuerwehr Reichelsheim


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