Reichelsheim

Der Reichelsheimer Mäusekuchen

Wer sich mit Alt-Reichelsheimern über Besonderheiten des Ortes unterhält, der erfährt sehr schnell etwas über den "Reichelsheimer Mäusekuchen" - Ein jahrzehntelanger Brauch zum Jahreswechsel, der nur noch in Reichelsheim gepflegt wird.

Kaum war die Hektik der Weihnachtstage überstanden, stand den Reichelsheimer Einwohnern erneut Betriebsamkeit ins Haus. Galt es doch, zum Jahreswechsel Verwandte und Bekannte nach alter Sitte mit einer lukullischen Rarität zu erfreuen, die seit Jahrzehnten als "Mäusekuchen" bekannt ist. Viele Geschichten ranken sich um dieses Backwerk, das unseres Wissens nur noch in Reichelsheim zu Silvester hergestellt wird.

Vor Jahren versuchte der inzwischen in Oppenheim verstorbene Lehrer und Ahnenforscher Albert Nohl diesen ländlichen Brauch zu ergründen. Ohne seine Erfahrung wäre ein Bericht über den Mäusekuchen nicht denkbar. Als gründlicher Kenner der Reichelsheimer Geschichte konnte aber auch er nicht genau ergründen, woher dieser "alte Brauch des Backens und Verzehrens des Mäusekuchens" stammt. Wenn wir aber davon ausgehen, daß er als alteingesessener Reichelsheimer schon vor Jahrzehnten Eltern, Bekannte oder ältere Mitbürger befragen konnte, so muß der Mäusekuchen eine weit über 100 jährige Geschichte haben. Seit dieser Zeit entsteht dieser Kuchen nur einmal im Jahr, um in den folgenden 12 Monaten auf seine Wiedergeburt zu warten.

Über die Entstehung des "Mäusekuchens" muss man auch heute noch rätseln. Unter Berücksichtigung der Angaben von Albert Nohl lässt sich vielleicht die folgende Entstehungsgeschichte rekonstruieren:

Auf dem Lande war es Sitte, daß die Haushalte etwa zwei bis drei Wochen vor Weihnachten Hausschlachtungen vornahmen. Diese Hausschlachtungen dienten dazu, vor allem den Großfamilien mit den "Tagelöhnern" den Nahrungsbedarf zu decken. Natürlich war das bevorstehende Weihnachtsfest für jedermann Anlaß genug für ein Schlachtfest. Die nach dem Schlachten übrige Bratwurst muß nun nach einem unbekannten "Erfinder" zum Mäusekuchen verwertet worden sein. Jener Einwohner muß auf die Idee gekommen sein, die Bratwurst in Teig zu legen und zu backen. Wie man weiß, wurde neben der Hausschlachtung früher auch das Brot zumeist selbst gebacken, so daß der heutige "Mäusekuchen" seine Entstehung vielleicht der Tatsache verdankt, daß beide vor dem Weihnachtsfest nötige Arbeitsgänge zusammen ausgeführt wurden: Die Wurst und der restliche Teig wurden im glühenden Ofen zu einem neuen Schmaus.

Doch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts brachte man den zu Hause hergestellten Kuchenteig mit der Wurst zum Bäcker. Der Teig mußte nur gewälzt und die frische oder leicht geräucherte Bratwurst eingewickelt werden. Nach dem "Aufenthalt" im Ofen sah der dunkelbraune Kuchen wie ein Landbrot aus. Schnitt man ihn quer durch, so sah man an der Schnittstelle ein Loch (zu weilen auch zwei), in dem ein Stück Bratwurst steckte. Der Zwischenraum zwischen Teig und Wurst ließ den Eindruck entstehen, als säße eine Maus in ihrem Loch. Und so hatte sich in der Bevölkerung Reichelsheims über die Jahrzehnte der Begriff des "Mäusekuchens" gefestigt, der neben seinem Ruf als Delikatesse auch wesentliche Bedeutung für das gesellschaftliche Leben gewann.

Am Silvesterabend nämlich kam der Mäusekuchen auf den Tisch, wurde aber an den folgenden Tagen nicht nur im Familienkreis verzehrt, sondern früher auch in den "Spinnstuben". Hier traf sich seinerzeit vorwiegend die Jugend, wobei an Winterabenden abwechselnd die Jungen und Mädchen zusammenkamen. Schon um die Jahrhundertwende wurden die Spinnstuben von den Jungen zweckentfremdet: Sie spielten dort Karten. An Neujahr wollte es der Brauch, daß jedes Mädchen einen Mäusekuchen stiften musste und die Jungen Bohnenkaffee mitbrachten. So zog sich das Mäusekuchenessen zumeist eine ganze Woche im neuen Jahr hin, wobei neben Spinnen, Stricken und Kartenspielen wohl auch der eine oder andere Partner fürs Leben gefunden wurde.

Vielleicht ist auch mit dieser Vermutung ein Grund gegeben, daß ein nach auswärts verzogener Reichelsheimer am Jahreswechsel nicht auf seinen "Mäusekuchen" verzichten wollte und sich von seinen Angehörigen einen ganzen Kuchen oder wenigstens einen Teil davon schicken ließ. Zum Jahreswechsel eine ausgesprochen schmackhafte Erinnerung an die Heimatgemeinde.

Die engagierte Reichelsheimer Landfrau Elli Schäfer stellte vor einigen Jahren für die Sendung "Hessen3 unterwegs" einmal das richtige Rezept zusammen.

Zur Anregung sei es hier abgedruckt:

Rezept des Reichelsheimer Mäusekuchens

Zutaten

  • 1 Pfund Mehl
  • 50g Zucker
  • 80g Schweineschmalz
  • 1 Würfel Hefe
  • 1/4 Liter Milch
  • 1 oder 2 geräucherte Bratwurst (40 cm lang)
    Diese speziellen "Mäusekuchenwürste" erhält man bei den Reichelsheimer Metzgereien Ende Dezember, ansonsten nur auf Vorbestellung)

Zubereitung

Aus Mehl, Zucker, Fett, Hefe und Milch einen Hefeteig kneten, gehen lassen und ca. 1/2 cm dick ausrollen. Die geräucherte Bratwurst darin einrollen. Den Mäusekuchen auf ein gefettetes Backblech legen, mit dem Küchenmesser einstechen und nochmals gehen lassen. Bei mittlerer Hitze 45 Minuten backen. Der heiße Mäusekuchen wird mit kaltem Wasser abgepinselt ("gefrischt").
Guten Appetit!



Wir backen einen Mäusekuchen

Silvester. Wir backen wie in jedem Jahr mehrere Mäusekuchen. Mal backen wir alle auf einmal, manchmal hintereinander. Frisch schmecken sie eben am besten! Die Wurst für den Mäusekuchen haben wir bereits am 27.Dezember beim Metzger bestellt, später sollte man das auch nicht tun, denn diese spezielle Bratwurst wird nur an Silvester und auf Bestellung gefertigt. Neben dem oben genannten Rezept von Elli Schäfer gibt es noch eine Vielzahl anderer Rezepte. Wir backen den Mäusekuchen in diesem Jahr nach einem alten Rezept der Familie Wegner.

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Die Zutaten für den Teig kommen in eine Schüssel und werden verknetet.

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Dann wird der Teig auf der Arbeitsplatte kräftig durchgeknetet. Anschließend muss er auf der mässig warmen Heizung in seiner Schüssel treiben, bis er ungefähr doppelt so groß ist.

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So schaut die Reichelsheimer "Mäus'kuche'worschd" aus, hier in passender Länge von ca. 36cm für ein normales Backblech.

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Beide Würste werden in den ausgerollten Teig eingewickelt. Über die richtige Wickeltechnik lässt sich streiten, auch wir probieren immer wieder mal eine neue Methode aus.

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Der fertig gerollte Mäusekuchen kommt auf ein Backblech und darf noch ca. 15 Minuten treiben.

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Anschließend geht's für ca. 50 Minuten in den Ofen. Zwischendurch wird der Mäusekuchen mit Eigelb bestrichen, damit er goldbraun glänzt.

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Fertig: Der frisch aufgeschnittene Mäusekuchen mit seinen beiden Würsten.

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Daher rührt vermutlich der Name des Mäusekuchens: Wie eine Maus sitzt die Bratwurst in ihrem 'Loch' im Hefeteig.


Bilder: Alexander Hitz



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